

DIE HANDLUNG
Robert Tudor, Geschäftsmann mit undurchsichtiger Vergangenheit, führt mit seiner Frau ein ruhiges Leben an der Côte d'Azur – bis ein Anruf aus Moskau seine Idylle beendet. David Sinclair hat eine seiner Geliebten im Zimmer eines Moskauer Luxushotels brutal ermordet vorgefunden und sitzt nun im berüchtigten Lefortovo-Gefängnis.
Robert reist nach Moskau: um seinem Freund zu helfen, aber auch um ein missglücktes Geschäft zu retten. Schnell gerät er ins Visier rivalisierender Geheimdienste – FSB, GRU, CIA, Mossad und der ukrainische HUR kämpfen gnadenlos um hochmoderne Mikrochips, die den Krieg in der Ukraine entscheiden könnten. Es gibt noch eine gefährliche Bedrohung: die russische Mafia möchte im Geschäft um die tödlichen Mikrochips mitmischen und zieht eine blutige Spur durch die Stadt. Mysteriöse Akteure gefährden nicht nur Roberts Interessen, sondern auch sein Leben. Seine einzige Verbündete ist die brillante Anwältin Anastasiya Yegorova.
Doch auch sie kennt nicht die ganze Wahrheit.

PROLOG — DIEBE IM GESETZ
Samstag, 6. Januar 2024, 23:00 Uhr,Straflager IK-3, Poljarnyj Volk, Sibirien

Die Polarnacht hatte sich wie ein eisiger Schleier über die Strafkolonie IK-3* im äußersten Norden Sibiriens gelegt. Am Heiligabend des orthodoxen Weihnachtsfestes hatte ein Schneesturm die Tundra heimgesucht und das gesamte Lager mit einer dicken Schneedecke überzogen. Es herrschte jene unheimliche Stille, die man hier die Ruhe nach dem Sturm nannte.
Der Mond warf ein fahles Licht auf bizarre Skulpturen, die Kälte und Frost aus dem allgegenwärtigen Stacheldraht geformt hatten. Die Sturmwolken hatten sich verzogen, und der Sternenhimmel über den unendlichen Weiten der Tundra warf ein trügerisches Bild des Friedens auf die weite Ebene.
Tief in der sibirischen Wildnis, über zweitausend Kilometer von Moskau entfernt, war die Strafkolonie IK-3 Endstation für die gefährlichsten Verbrecher Russlands. Eine einsame Bahnlinie verband das Lager mit der fünfundzwanzig Kilometer entfernten Kleinstadt Obskoi, einem trostlosen Außenposten, wo die Wachmänner mit ihren Familien lebten. In den stillsten Nächten hallte das Heulen jener Wölfe durch die Dunkelheit, die dem Lager seinen Namen gaben: Poljarnyi Volk – der Polarwolf.
Für die Insassen – Terroristen, Mörder und Schwerkriminelle – gab es kein Entkommen. Stacheldraht, bewaffnete Aufseher und Kettenhunde verwandelten jeden Gedanken an eine Flucht in ein flüchtiges Hirngespinst. Wer es dennoch hinausgeschafft hätte, wäre von der Tundra gnadenlos verschlungen worden.
Innerhalb der Mauern herrschte die in den Gulags der Sowjetunion gegründete Bruderschaft der Diebe im Gesetz. Die Regeln waren einfach, klar und unmissverständlich: keine Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen, keine Familie, bedingungslose Loyalität. Markante Tätowierungen – Dolche, Sterne, Kathedralen – bezeugten begangene Verbrechen und definierten den Status ihres Trägers. Wer sich mit Symbolen schmückte, ohne die entsprechenden Taten ausgeführt zu haben, beging ein schweres Vergehen und wurde hart bestraft. Den Kodex zu brechen bedeutete Folter oder den Tod. Die Aufseher waren in diesem Vorhof der Hölle bloße Statisten – nicht respektiert, lediglich geduldet.
Der Weihnachtsabend unterschied sich kaum von anderen Tagen. Um etwas festliche Stimmung zu erzeugen, wurden über die Lautsprecheranlage Weihnachtslieder gespielt. Jeder Häftling erhielt ein paar selbst gebackene Kekse – eine Tradition, die von den Ehefrauen der Wächter alljährlich gepflegt wurde.
Im Wachzimmer, einem trostlosen Raum mit flackernden Neonröhren, schoben drei Wachmänner Nachtdienst. Aus einem knisternden Radio tönten russische Weihnachtslieder. Eine blinkende Lichterkette war notdürftig um ein paar Fichtenzweige gewickelt und sorgte für ein wenig weihnachtliche Stimmung. Ein alter Ölofen verbreitete etwas Wärme und einen beißenden Geruch. Das Außenthermometer zeigte minus 42 Grad.
Der diensthabende Wachoffizier, Hauptmann Artyom Makarov, ein bulliger Mann mit vernarbtem Gesicht, saß gelangweilt an einem wackeligen Tisch. Er nahm einen Schluck Kaffee aus einer verbeulten Blechtasse und beobachtete Leutnant Sergey Kovalyov, der mit einem Taschenmesser an einem Holzstück schnitzte.
„Sergey, was wird das? Du arbeitest schon seit Stunden an dem Ding, und man erkennt immer noch nicht, was es werden soll.“
Sergey sah kurz auf und schnitzte unbeirrt weiter.
„Das wird eine Matrjoschka für meine Tochter Alina. Insgesamt werde ich sieben solcher Figuren anfertigen. Meine Frau bemalt sie dann. Eigentlich wollte ich schon seit einer Woche fertig sein, aber wie du siehst, komme ich nur langsam voran.“
Pavel Vorobyov, ein junger Wachmann, der erst vor wenigen Tagen seinen Dienst angetreten hatte, stand am Fenster und starrte in die Nacht. Er war nicht sonderlich gesprächig und schien sich auch nicht weiter für die Unterhaltung seiner Kollegen zu interessieren. Er wirkte angespannt. Kovalyov bemerkte Pavels Unruhe und sah kurz von seinem Holzstück auf.
„Junge, was hat dich hierher verschlagen? Hast du zu Hause in Irkutsk etwas ausgefressen?“ Er grinste und schnitzte weiter an seinem Holzstück, das langsam die Konturen einer kleinen Puppe annahm.
„Ich habe mich freiwillig zum Dienst hier gemeldet. Mit den Zulagen verdiene ich hier doppelt so viel wie zu Hause. Bisher ist die Arbeit gar nicht so schlecht.“
„Du hast allerdings noch keinen unserer ganz speziellen Gäste kennengelernt“, warf Makarov spöttisch ein.
„Da sind ein paar ganz besondere Exemplare dabei“, ergänzte Kovalyov.
Pavel wusste von der Brutalität unter den Häftlingen, aber ausgerechnet am Weihnachtsabend wollte er davon nichts hören und versuchte es mit einem Themenwechsel. „Meine Mutter hat Kekse geschickt. Wollt ihr welche? Ich kann sie aus meinem Spind holen.“
Kovalyov leckte sich die Lippen. „Gute Idee. Bring uns Mutters Kekse!“
Pavel war erleichtert, doch die harte Realität des Straflagers kehrte auf makabre Weise zurück. Ein schmerzerfüllter Schrei, der von außen in die Wachstube drang, durchbrach die Stille.
„Was war das?“, flüsterte Pavel und sah sich ängstlich um.
Makarov grinste und nahm einen Schluck Kaffee. „Mach dir keine Sorgen, mein Junge. Das sind nur einige unserer Gäste, die interne Unstimmigkeiten besprechen.“
„Die Wölfe heulen“, murmelte Kovalyov, ohne aufzusehen.
Ein weiterer Schrei – noch qualvoller als der erste – ließ selbst Makarov innehalten. Seine Miene verdüsterte sich.
„Das klingt nun doch nach Ärger“, sagte er mit unheilvollem Ton in der Stimme. „Sehen wir nach.“
Pavel sah seine Kollegen ängstlich an. Seit seiner Ankunft hatte er kaum Kontakt zu den Häftlingen gehabt. Sein Dienst hatte sich bisher auf die Wachstube beschränkt und war ohne Zwischenfälle verlaufen.
Makarov befahl über die Sprechanlage sechs Wärter in die Wachstube. Routiniert kontrollierten sie Waffen und Schlagstöcke, prüften Taser – manch einer bekreuzigte sich.
Der Schnee knirschte unter den Stiefeln, als sich die Männer auf den Weg zu jenem Trakt machten, aus dem die Schreie gekommen waren. Das Café Pushkin, wie die Häftlinge Zellenblock C nannten, war ein heruntergekommener Bau, etwa dreißig Meter von der Wachstube entfernt. Ein schwacher Lichtschimmer drang durch die kleinen, schmutzigen Fenster. Schmerzerfülltes Stöhnen und höhnisches Gelächter waren immer deutlicher zu hören, je näher die Wachleute dem Zellenblock kamen. Pavel zitterte – nicht wegen der Kälte, sondern aus Furcht vor dem, was hinter diesen Mauern auf ihn und die Männer wartete.
Makarov entriegelte die schwere Stahltür. Hinter der Schleuse lag ein Korridor, in dem sich an beiden Seiten die Zellen aneinanderreihten. Ein Gestank nach Fäkalien, Urin und Schweiß schlug ihnen entgegen, so beißend, dass Pavel sich vor Ekel beinahe übergeben hätte. Im Halbdunkel blitzten die Strahlen der Taschenlampen. Kovalyov schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Neonlicht flackerte in dem leeren Korridor auf. Bis auf ein leises Stöhnen, das aus Zelle 11 kam, war nichts mehr zu hören. Die Häftlinge hatten die Ankunft der Wachleute bemerkt.
Makarov öffnete die Klappe der Zellentür und warf einen Blick in die schummrige Zelle. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe durch den Schlitz und zählte die Männer. Sieben nur schemenhaft erkennbare Gestalten standen um einen Mann herum, der auf dem Boden kauerte. Makarov schlug mit dem Schlagstock gegen die Zellentür.
„Alles in Ausgangsposition!“
Kovalyov entriegelte das Schloss und öffnete die Zellentür. Die anderen zogen ihre Knüppel und bildeten hinter ihm einen Halbkreis.
Eine große, breitschultrige Gestalt mit Glatze und nacktem Oberkörper trat aus dem Halbdunkel der dürftig beleuchteten Zelle: Krysha – der unbestrittene Herrscher des Lagers und Anführer der Diebe im Gesetz, gefürchtet wie kein anderer Häftling. Selbst die Wachleute hatten Respekt vor diesem Mann, der in IK-3 eine fünfzehnjährige Haftstrafe absaß. Krysha war der Inbegriff seiner Bruderschaft – eine Bestie mit messerscharfem Verstand. Achtzackige Sterne zierten seine Schultern, eine Kathedrale mit drei Kuppeln prangte auf der Brust – stumme Zeugen seiner Verbrechen und eine Verhöhnung der Staatsgewalt. In seinem Mundwinkel glühte eine Zigarette, deren Rauch sich um sein Gesicht kringelte.
Neben ihm kniete Pyotr, der nackt an ein Bettgestell gefesselt war. Blutige Hautfetzen hingen von seinen Schultern. Er hatte sich mit Tätowierungen geschmückt, die ihm nicht zustanden. Um ihn zu bestrafen, war seine Haut mit Schmirgelpapier bearbeitet worden. Die prahlerischen Sterne waren auf dem geschundenen Körper kaum noch zu erkennen. Pavels Hände zitterten. Er hatte von solchen Ritualen gehört, aber Zeuge dieser brutalen Folter zu werden, war etwas, das sich seinem Verstand entzog. Sein Blick klebte an Pyotr, dessen Blick starr nach unten gerichtet war. Blut tropfte auf den Zellenboden. Selbst der hartgesottene Makarov war von dieser Demonstration von Macht und Gewalt angewidert.
„Krysha, du bist in einer Woche draußen. Riskier das nicht für so einen Dreckskerl.“
Kryshas Lippen verzogen sich zu einem zynischen Grinsen, und er wandte sich an den Mann mit dem Schmirgelpapier.
„Das genügt. Bindet ihn los.“ Krysha trat einen Schritt vor und baute sich vor Makarov auf. „Er gehört jetzt euch. Nehmt dieses Stück Scheiße mit. Ich will ihn hier nicht mehr sehen.“
Pyotrs Fesseln wurden gelöst. Er fiel bewusstlos vornüber und schlug mit dem Gesicht auf den kalten Betonboden. Krysha und Makarov standen einander immer noch gegenüber. Makarovs Augen verrieten, dass auch er den Mann fürchtete, dessen Macht nicht an den Mauern des Lagers endete. Makarov konnte Kryshas dämonischem Blick nicht länger standhalten und wandte sich den Wachleuten zu.
„Bringt ihn zur Krankenstation.“
Zwei Wachleute hoben den nackten, gepeinigten Körper hoch und schleiften ihn aus der Zelle. Sein Wimmern war verstummt, und sein Blut hinterließ eine Spur auf dem Boden des Korridors.
Makarov schüttelte den Kopf und wandte sich von Krysha ab.
„Zurück zur Stube“, sagte er zu Pavel, der wie erstarrt hinter ihm stand.
„Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Es würde mich wundern, wenn Pyotr die Nacht überlebt.“
Zurück in der Wachstube versammelten sich die Männer vor dem Ölofen und wärmten sich die klammen Finger.
„Du gewöhnst dich dran, Junge“, sagte Makarov zu Pavel. Seine Stimme hatte fast etwas Väterliches. Ihm war bewusst, welche Wirkung das grausame Ritual im Café Pushkin auf einen Neuling hatte.
„Du wolltest uns doch Kekse bringen!“, erinnerte ihn Kovalyov.
Pavel, noch immer unter Schock, salutierte mechanisch und ging zum Spind. Als er die Schachtel mit den Keksen, die seine Mutter für ihn gebacken hatte, in die Hand nahm, rann eine Träne über seine Wange. Er sehnte sich danach, bei seiner Familie zu sein.
Makarov sollte mit seiner Einschätzung recht behalten.
Am nächsten Morgen fand man Pyotr tot im Bett der Krankenstation. Ein Löffel, zu einer Klinge geschliffen, steckte in seiner Kehle – eine klare Botschaft, wer im Lager über Leben und Tod bestimmte. Die offizielle Meldung lautete Selbstmord, doch jeder im Lager wusste, dass Krysha ein Exempel seiner Macht statuiert hatte. Niemand sprach darüber – nicht die Häftlinge, nicht die Wachen.
In einer Woche würde Krysha die Tundra verlassen, und die schrecklichen Geheimnisse von IK-3 würden für immer unter der Schneedecke begraben bleiben.



1 — DIE KOLUMBIANISCHE KRAWATTE
Dienstag, 16. Juli 2024, 19:45 Uhr, Moskau

David Sinclair war bester Laune, als er vor dem Hotel Peking auf sein Taxi wartete. Sein Aufenthalt in Moskau, garniert mit einem sorgfältig geplanten erotischen Zeitvertreib, war bisher ganz nach seinen Wünschen verlaufen.
Katya Ivanova, ein junges Mädchen aus Smolensk mit strahlenden Augen und ansteckender Lebensfreude, hatte seine Einladung nach Moskau begeistert angenommen und war gegen 15 Uhr im Hotel Peking eingetroffen. Den restlichen Nachmittag hatte sie mit David in dessen Zimmer verbracht – vorwiegend in seinem Bett.
Mit einem zufriedenen Lächeln stand David nun vor dem Hoteleingang und ließ den Blick über den belebten Triumfalnaya-Platz schweifen. Die abendlichen Sonnenstrahlen verliehen der gegenüberliegenden Tschaikowski-Konzerthalle an diesem hochsommerlichen Abend einen warmen, fast magischen Schimmer.
Auf der anderen Seite des Platzes schaukelten verliebte Pärchen auf Zweierbänken, die mit langen Ketten an überdimensionierten weißen Rahmen befestigt waren. Jede Schaukel war besetzt, und zahlreiche Menschen warteten geduldig darauf, an die Reihe zu kommen und die Seele baumeln zu lassen.
Pünktlich um 19:45 Uhr fuhr das bestellte Taxi, ein schwarzer Mercedes, vor. David machte es sich auf der Rückbank bequem, während das Fahrzeug sich in den mäßigen Abendverkehr auf der Bolshaya Sadovaya einfädelte. Die Fahrt zum Hotel Ukraina würde kaum zehn Minuten dauern – gerade genug Zeit, um den Nachmittag mit Katya noch einmal in Gedanken Revue passieren zu lassen. Während er aus dem Fenster sah, vermischten sich seine Erinnerungen an Katya mit der Vorfreude auf Dasha, mit der er bereits am Vormittag vergnügliche Stunden im Hotel Ukraina verbracht hatte.
Katya war nicht die einzige Frau, von der sich David seine Zeit in Moskau versüßen ließ.
Nach kurzer Fahrzeit tauchte auf der rechten Seite die amerikanische Botschaft auf – ein imposantes Gebäude im Stil des stalinistischen Klassizismus. Die Fassade war in Weiß, Blau und Rot getaucht – den Farben der russischen Flagge, die vom gegenüberliegenden Haus als ironischer Protest gegen die Rolle der USA im Ukraine-Konflikt auf das Gebäude projiziert wurden.
Die Limousine fuhr zügig weiter über den Novinsky Boulevard, bog in die Novy Arbat ein und überquerte die Brücke über die Moskwa, in deren sanften Wellen Ausflugsschiffe dahinglitten. Rechts erhob sich das Weiße Haus wie ein stummer Zeuge einer längst vergangenen Epoche.
Durch die Windschutzscheibe sah David das Ziel seiner kurzen Fahrt. Vor ihm erhob sich das ehrwürdige Hotel Ukraina, eine der berühmten Sieben Schwestern, die das Moskauer Stadtbild seit Jahrzehnten prägten.
Das Taxi fuhr die geschwungene Auffahrt hinauf und hielt unter dem wuchtigen Vordach. David musste den Metalldetektor passieren, und wie üblich ertönte das Warnsignal – ein vertrautes Piepen, von dem sich die gelangweilten Sicherheitsleute nicht in ihrer Unterhaltung stören ließen.
David durchquerte die weitläufige Halle mit ihrem glänzenden Marmorboden und steuerte direkt den Aufzug an. Ein leiser Glockenton kündigte die Ankunft der Aufzugskabine an. Er fuhr in den 32. Stock, wo ihn ein geräumiges Zimmer mit spektakulärer Aussicht auf die Skyline des Finanzviertels von Moscow City erwartete.
Mit beschwingten Schritten ging er den Flur entlang, dessen dicker Teppichbelag jedes Geräusch diskret dämpfte. Bei Zimmer 3208 hielt er die Karte an den Sensor; das grüne Licht blinkte kurz auf. Er trat ein und streifte im Gehen die Schuhe ab, während die schwere Tür mit einem satten Geräusch hinter ihm ins Schloss fiel.
Eine unheimliche Stille erfüllte den Raum, nur durchdrungen vom betörenden Duft eines teuren Parfums.
Dasha lag mit einem Bademantel bekleidet auf dem Rücken in der Mitte des Bettes und wirkte, als würde sie schlafen. Ihr Körper war teilweise vom Bettlaken verhüllt, nur ihre Beine waren zu sehen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Gesicht und Hals waren mit jenem Seidentuch verhüllt, das David ihr als Geschenk mitgebracht hatte. Es war ein unheilvoller Anblick, der ihn erschaudern ließ.
Als er zögernd ihren Fuß berührte und die Kälte ihrer Zehen spürte, wurde er blass. Langsam näherte er sich dem Kopfende des Bettes. Die Stille im Zimmer war bedrückend.
„Dasha?“, flüsterte er, während er sacht ihre Schulter berührte.
„Dasha?“
Vorsichtig zog er das Tuch beiseite. Ihr langes, dunkelbraunes Haar kam zum Vorschein und legte sich wie ein Wasserfall über das blütenweiße Kopfkissen, auf dem eingetrocknetes Blut sichtbar wurde. Zentimeter für Zentimeter schob David das Tuch mit zitternden Fingern weiter. Er wusste, dass er gleich etwas sehen würde, dem er nicht gewachsen war.
Er holte tief Luft und zog das Tuch mit einem Ruck zur Seite.
Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn erstarren. Das Tuch glitt aus seinen Fingern, er taumelte zurück und sank kraftlos zu Boden.
Dashas Augen waren weit aufgerissen und starrten ins Leere. Ihre Kehle war brutal aufgeschlitzt. Aus der tiefen, klaffenden Wunde in ihrem Hals ragte ihre Zunge hervor – blutig und auf groteske Weise zur Schau gestellt. Die kolumbianische Krawatte – das grausame Markenzeichen der russischen Mafia.
David wollte schreien, doch seine Kehle war zugeschnürt. Zusammengekauert saß er an die Wand gelehnt, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.
Er wusste nur, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten steckte.


